In der Nacht und am Tag

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Die Game Developers Conference (GDC), die jedes Jahr Anfang Frühling in San Francisco stattfindet, ist ein besonderes Ereignis für Menschen aus der Computerspielindustrie oder auch für alle Leute, die im weiteren Sinne an der Videospielkultur professionell interessiert sind. Im riesigen Moscone Konferenzzentrum inmitten der Straßen von San Francisco gibt es fünf Tage lang stündlich in unterschiedliche Fachrichtungen unterteilte Vorträge, Diskussionen oder Arbeitskreise. Game Design (also wie man Spielideen entwickelt), Programmierung, Sound, Art, 3-D, Producing und sogar eigene Vorträge darüber, wie man das alles am besten auf Hochschulen unterrichtet.

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Aber auch unkonventionelle Veranstaltungen stehen am Programm. Heuer kann man etwa ein Deathmatch gegen den berühmten Gamedesigner John Romero (“Doom”, “Quake” – siehe unten links im Bild) spielen oder Eric Zimmerman, Mitautor des Standardwerks “Rules of Play” feiert in diesem Jahr das zehnjährige Jubiläum seiner selbstverliebten Aufregungsveranstaltung “Rant Session”. Heuer deshalb ein “Best Of”: Die sich in den letzten zehn Jahren am besten über die Spielindustrie aufgeregt haben, dürfen sich heuer nochmals geballt vor aufgeregtem Publikum aufregen.

 

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Alle wollen dabei sein, aber die Chefs wollen das oft nicht so gern bezahlen. Weil die schon dabei waren, wissen zwar, wie wertvoll eine Teilnahme ist, aber diejenigen die bezahlen müssen, wissen, wie teuer das ist. Alleine die Teilnahmegebühr für die vollen fünf Tage beträgt 2000$. Zweitausend Dollar!

Warum bezahlt das irgendjemand und wieso kommen trotzdem jährlich mehr Konferenzteilnehmer? Man darf zuersteinmal nicht unterschätzen, dass San Francisco eine überhaupt und im Frühling ganz besonders schöne Stadt ist. Das hilft jedenfalls dabei, wiederkommen zu wollen und jede Menge Energie zu haben, um irgendwie das viele Geld aufzutreiben.

Mindestens zwei Wochen vor der Konferenz muss man unbedingt mit der Vorbereitung beginnen, ich schaffe das jedenfalls nie. Es gilt herauszufinden, welche die besten und wichtigsten Parties sind, zu denen man eingeladen werden könnte und welche es überhaupt gibt und es geht darum, alle Parties in eine lückenlose Reihe zu bringen.

 

Dabei ist auch wichtig zu beachten, dass die größten Parties, die von den größten Publishern, wie zum Beispiel Sony oder Microsoft veranstaltet werden, zwar einerseits Prestige bedeuten, wenn man eine Einladung vorweisen kann. Aber andererseits ist dafür die Wahrscheinlichkeit, entscheidende Leute zu treffen, sehr gering. Die gehen entweder gar nicht hin, oder schoten sich in VIP-Bereichen ab. Um dort hinein zu kommen, bedeutet, dass man die entscheidenden Leute nicht mehr kennen lernen muss, weil man sie schon kennt. Immerhin gibt es auf den großen Parties immer irgendetwas aufregendes zu sehen, also Zirkusflugtanznummern von computerspielmäßig aufgemotzten oder einfach ziemlich ausgezogenen Frauen oder lauter komplett silbern angezogene Kellner, die köstliche kleine Hähnchengrillteile, gebadet in Babecuesauce bringen.

Foto-1Auf der anderen Seite gibt es auch eine ganze Menge kleiner Parties, von kleinen Firmen, die auch etwas Wichtiges machen. Die finden dann der Einfachheit halber in einem für den Abend gemieteten Lokal statt, aber da trifft man meistens auch keine entscheidenden Leute, kann dafür aber ohne Einladung hineingehen. Insiderwissen ist notwendig, so ist zum Beispiel traditionell die Party von Three Rings (Puzzle Pirates) ein verdammt guter Ort und man trifft immer zufällig interessante oder wichtige oder nette Leute und es ist zusätzlich eine der wenigen Parties, auf denen getanzt wird und die die Bezeichnung Party überhaupt verdienen, leider findet die heuer aber gar nicht statt, dann muss man zur “Nordic Games Party”, die ist auch genug berüchtigt.

 

Eine weitere Kategorie sind die geheimen Parties, die sind natürlich besonders begehrt und ich kann nur davon berichten, weil meine ehemalige Konferenzkollegin Babsi Lippe durch ihre Magie sämtliche geheimen Portale durchschreiten konnte und mich einfach mitgenommen hat. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, zum Beispiel über mich, wie ich im gefühlten hundertsten Stockwerk in der größten Suite eines Luxushotels mit drei Terassen zum damaligen “Director of the GDC” freundlich “hello” gesagt habe und dann aber doch lieber weitergekrabbelt bin. Wir grüßen uns übrigens tatsächlich heute noch, die Computerspielmenschen sind meistens lustige Leute.

Am Dienstag haben die Schweizer auch eine Party veranstaltet. Und jetzt ratet einmal, wie die so war? Das war natürlich eine Investorenveranstaltung, wo arme Spielerfinder reichen Schweizern ihre Ideen verkaufen konnten. Eigentlich sehr wichtig, aber ich konnte mich nicht überreden. Außerordentlich langweilig.

Strenge Sitten bei japanischen Parties

Es ist hilfreich zu beachten, dass manch andere Abendveranstaltung zum Tanzen weniger gut geeignet ist. Wenn eine japanische Firma eine Party veranstaltet, sieht das folgendermaßen aus. Sie beginnt um sieben Uhr am Abend und dauert bis etwa zehn Uhr. Aber das ist ganz normal, nur die wildesten Parties dauern bis um Mitternacht, weil in den USA sind Parties, die bis in den Vormittag hineinreichen, exotische, europäisierte Projekte für Künstler oder Wahnsinnige jedenfalls Arbeitslose, die vor keiner pubertären Peinlichkeit zurückschrecken. Japanische Firmen wollen aber meistens eher seriös wirken.

japanischer_visitenkartenritusAlso, da stehen dann alle Männer und die zwei Frauen freundlich lächelnd umher und teilen sich Chips und Soletti. Irgendwann sagt dann auch jemand etwas zu jemand anderem und zwar: “Hello, how are you?”. Diese Formel setzt dann einen interessanten sozialen Algorithmus in gang. Der Angesprochene zieht geschickt sein metallenes Visitenkartenetui aus seiner Sakkotasche und hält dann eine Visitenkarte mit beiden Händen dem Partner dieser Ereigniskette hin und neigt dabei den Kopf etwas zu weit nach unten. Mindestens so weit, dass er den anderen nicht mehr gut sehen kann. Und so muss er dann verharren bleiben, darf aber manchmal ein bisschen nach oben blinzeln und ein bisschen wippen, um zu sehen, ob die Karte in Empfang genommen wird. Selbstverständlich nimmt der Andere diese mit großer Freude und wieder mit beiden Händen entgegen und verfällt sofort in einen Rausch der Bewunderung über jede einzelne Information auf der Visitenkarte. Dabei muss auch jedes Detail unbedingt mit einer einzelnen extra für das Detail ausgesuchten akustischen Untermauerung gefeiert werden. “Ohh!” “Uhh” “Wow!” “Hey located in Nagano, very interesting!” Nach einer Begutachtungsmindestdauer von etwa zwei Minuten darf man dann seine eigene Visitenkarte darbieten, die natürlich auch gebührlich bewundert wird. Gott behüte, wer nicht der empfangenen Visitenkarte ein ordentliches metallenes Visitenkartenetui zur Behausung vorweisen kann.

Um nicht missverstanden zu werden, auch wenn dieser Ritus für Europäer befremdlich wirken mag, so stellt er doch eine äußerst sympathische Wertschätzung der anderen Person gegenüber dar, die gerade mit ihrer Visitenkarte einem Fremden einen Teil ihrer Identität preisgegeben hat. Die Abendveranstaltungen für diese Visitenkartenriten sind jedenfalls wichtig zu besuchen, man lernt viel und vor allem auch entscheidende Leute kennen. Man darf nur nicht glauben, dass in allem wo Party draufsteht, auch Party drinnen ist. Ich habe zum Beispiel einmal den Erfinder von PAC-MAN (1980, Tōru Iwatani San) bei einer solchen Abendeinladung kennen gelernt. Er lebt noch immer, man stelle sich vor! Im Geschichteunterricht lernt man hoffentlich vom ersten Block Buster der Spielhallengeschichte (von der Menschen unter 25 sonst nichts mehr ahnen würden, dass sie überhaupt existiert hat) und dann lebt der Erfinder von PAC-MAN plötzlich und man kann mit ihm reden und die Hand schütteln und sehr glaubwürdig unterwürfige Geräusche machen bei den “Ohhs”. Ich kann mit Stolz behaupten, dass wir den gesamten Kartenaustausch zusammen durchgegangen sind. Es ist übrigens lustig, dass das Spiel ursprünglich Puck Man hieß, was aber für den amerikanischen Markt untragbar war, weil eine kleine Löschung am P fatale Folgen hätte.

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Die Parties und Empfänge und Mittagspausen und gemeinsamen Frühstücks sind der eine Grund, um zur Game Developers Conference zu kommen, nur verstehen das die Chefs schon gar nicht, dass ihre Angestellten auf Parties gehen sollen. Sie haben auch recht, weil das ist der Teil, der vor allem für sie gemacht ist. Die Angestellten kommen natürlich, um zu lernen, aber davon erzähle ich dann nach der Konferenz.

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